
Warum wir unser Verständnis von wirtschaftlichem Erfolg und Wohlstand neu denken sollten.
Mehr Umsatz. Mehr Gewinn. Mehr Produktivität. Mehr Wachstum.
Kaum ein wirtschaftspolitisches Gespräch, kaum eine Unternehmensstrategie und kaum eine Diskussion über unsere Zukunft kommt ohne diese Begriffe aus. Wachstum gilt als Voraussetzung für Wohlstand, als Zeichen wirtschaftlicher Stärke und als wesentlicher Maßstab für Erfolg.
Doch wann haben wir eigentlich zuletzt ernsthaft hinterfragt, wofür wir wachsen wollen?
Was, wenn wir immer erfolgreicher darin werden, unsere wirtschaftlichen Ziele zu erreichen, dabei aber zunehmend aus den Augen verlieren, welchen Sinn diese Ziele ursprünglich erfüllen sollten?
Der britische Ökonom und Nachhaltigkeitsforscher Tim Jackson stellt in seinem Buch „Wie wollen wir leben? Wege aus dem Wachstumswahn“ (2021) genau diese grundlegende Frage. Seine Überlegungen sind unbequem. Sie fordern uns heraus, einige unserer tief verwurzelten Überzeugungen über Wohlstand, Fortschritt und Erfolg neu zu betrachten.
Und sie berühren eine Frage, die gerade für Unternehmerinnen, Unternehmer und Führungskräfte von besonderer Bedeutung ist: Dient die Wirtschaft noch dem Menschen oder zunehmend der Mensch der Wirtschaft?
Wenn Wachstum vom Mittel zum Zweck wird
Wirtschaftliches Wachstum hat zweifellos viel Positives bewirkt. Es hat zur Überwindung materieller Armut beigetragen, medizinischen und technologischen Fortschritt ermöglicht und den Lebensstandard vieler Menschen verbessert.
Diese Errungenschaften sollten wir nicht kleinreden.
Problematisch wird es allerdings, wenn Wachstum nicht mehr als Mittel zur Verbesserung menschlicher Lebensbedingungen verstanden wird, sondern selbst zum übergeordneten Ziel avanciert.
Dann verändert sich die Perspektive.
Nicht mehr die Frage, welchen gesellschaftlichen Nutzen wirtschaftliches Handeln stiftet, steht im Vordergrund, sondern die Frage, wie sich Wachstum weiter steigern lässt.
Unternehmen sollen Jahr für Jahr höhere Ergebnisse erzielen. Volkswirtschaften sollen kontinuierlich expandieren. Menschen sollen produktiver, effizienter und leistungsfähiger werden.
Doch kann etwas, das auf einem Planeten mit begrenzten Ressourcen stattfindet, tatsächlich unbegrenzt wachsen?
Tim Jackson hinterfragt die Vorstellung, dass permanentes materielles Wachstum eine unverzichtbare Voraussetzung für gesellschaftlichen Wohlstand sei. Er lädt uns ein, über Wirtschafts- und Lebensformen nachzudenken, die menschliches Wohlergehen ermöglichen, ohne die ökologischen Grundlagen unseres Lebens zunehmend zu gefährden.
Dabei geht es um weit mehr als Umweltschutz. Es geht um unser Verständnis davon, was Fortschritt überhaupt bedeutet.
Wir messen, was sich zählen lässt. Aber zählt auch alles, was wir messen?
In der Unternehmenswelt verfügen wir über ausgefeilte Instrumente zur Erfolgsmessung.
Umsatz, Gewinn, Rentabilität, Marktanteile, Produktivität und Unternehmenswert werden regelmäßig analysiert. Strategien werden anhand messbarer Ziele entwickelt, Führungskräfte an Ergebnissen beurteilt.
Dagegen ist grundsätzlich nichts einzuwenden. Wirtschaftliche Kennzahlen sind unverzichtbar, um Organisationen verantwortungsvoll zu steuern.
Aber sie erzählen nur einen Teil der Geschichte.
Was sagen sie darüber aus, ob Menschen gerne in einem Unternehmen arbeiten? Ob sie Sinn in ihrer Tätigkeit erleben? Ob Vertrauen, Zusammenarbeit und persönliche Entwicklung gefördert werden? Oder welchen Beitrag ein Unternehmen für Gesellschaft und Umwelt leistet?
Ein Unternehmen kann wirtschaftlich höchst erfolgreich sein und gleichzeitig eine Kultur schaffen, in der Menschen unter permanentem Druck stehen, Vertrauen verloren geht und langfristige Perspektiven kurzfristigen Ergebnissen geopfert werden.
Umgekehrt kann ein Unternehmen wirtschaftlich solide arbeiten, hochwertige Arbeitsplätze schaffen, verantwortungsvoll mit Ressourcen umgehen und einen wertvollen gesellschaftlichen Beitrag leisten, ohne jedes Jahr zweistellige Wachstumsraten zu erzielen.
Welches dieser Unternehmen ist erfolgreicher?
Die Antwort hängt davon ab, welchen Maßstab wir anlegen.
Vielleicht besteht eines unserer größten Probleme darin, dass wir wirtschaftlichen Erfolg sehr präzise messen, menschlichen und gesellschaftlichen Erfolg aber häufig nur unzureichend berücksichtigen.
Was macht Wohlstand tatsächlich aus?
Jacksons Überlegungen führen uns zu einer grundlegenden Unterscheidung: Materieller Wohlstand und ein gutes Leben sind nicht dasselbe.
Natürlich benötigen Menschen materielle Sicherheit. Ein ausreichendes Einkommen, angemessener Wohnraum, Gesundheitsversorgung und Bildung sind wesentliche Voraussetzungen für Lebensqualität.
Doch darüber hinaus gewinnen andere Faktoren an Bedeutung.
Zwischenmenschliche Beziehungen. Gesundheit. Selbstbestimmung. Zugehörigkeit. Persönliche Entwicklung. Das Gefühl, einen sinnvollen Beitrag zu leisten.
Auch die psychologische Forschung liefert dazu wichtige Erkenntnisse.
Die Selbstbestimmungstheorie von Edward Deci und Richard Ryan beschreibt Autonomie, Kompetenzerleben und soziale Eingebundenheit als grundlegende psychologische Bedürfnisse. Werden diese erfüllt, begünstigt dies Motivation und psychisches Wohlbefinden.
Die Positive Psychologie wiederum beschäftigt sich mit den Bedingungen menschlichen Aufblühens. Martin Seligmans PERMA-Modell hebt unter anderem positive Beziehungen, Sinn und das Erleben von Wirksamkeit und Erfolg hervor.
Diese Perspektiven machen deutlich: Ein gelingendes Leben lässt sich nicht auf materiellen Besitz oder wirtschaftliche Leistungsfähigkeit reduzieren.
Warum aber orientieren wir uns gesellschaftlich und wirtschaftlich weiterhin so stark an genau diesen Größen?
Vielleicht auch deshalb, weil sich materielle Erfolge leichter vergleichen lassen als Lebensqualität, Sinn oder Zufriedenheit.
Brauchen wir ein neues Verständnis von Unternehmensführung?
Hier wird Jacksons gesellschaftliche Wachstumskritik für die Unternehmensführung besonders interessant.
Traditionell wird Führung häufig daran gemessen, ob es gelingt, vorgegebene wirtschaftliche Ziele zu erreichen.
Eine sinnorientierte Unternehmensführung erweitert diese Perspektive um eine grundlegende Frage:
Welchem Zweck dient unser unternehmerisches Handeln – über die Erwirtschaftung von Gewinnen hinaus?
Gewinne sind notwendig. Ohne wirtschaftliche Stabilität können Unternehmen weder investieren noch Arbeitsplätze langfristig sichern oder Innovationen vorantreiben.
Aber Gewinne allein erklären noch nicht, warum es ein Unternehmen geben sollte.
Welches Problem lösen wir? Welchen Nutzen schaffen wir für unsere Kundinnen und Kunden? Welche positiven Wirkungen ermöglichen wir für Mitarbeitende und Gesellschaft? Und welche Verantwortung übernehmen wir gegenüber kommenden Generationen?
Solche Fragen sind keine romantische Ergänzung betriebswirtschaftlicher Überlegungen.
Sie betreffen den Kern unternehmerischer Zukunftsfähigkeit.
Denn wer ausschließlich kurzfristige Ergebnisse optimiert, läuft Gefahr, jene Voraussetzungen zu vernachlässigen, auf denen langfristiger Erfolg beruht: Vertrauen, Kompetenz, Innovationsfähigkeit, tragfähige Beziehungen und gesellschaftliche Akzeptanz.
Sinnorientierung bedeutet daher nicht, wirtschaftliche Ziele aufzugeben. Sie bedeutet, diese Ziele in einen größeren Zusammenhang zu stellen.
Nicht weniger wirtschaftliche Verantwortung, sondern ein umfassenderes Verständnis davon.
Muss Wachstum deshalb etwas Schlechtes sein?
Eine differenzierte Auseinandersetzung mit Jacksons Thesen darf nicht bei einer pauschalen Ablehnung von Wachstum stehen bleiben.
Wachstum kann notwendig und sinnvoll sein.
Wenn innovative Technologien Ressourcen schonen, medizinische Versorgung verbessert wird, Bildung zugänglicher wird oder Unternehmen Lösungen für gesellschaftliche Herausforderungen entwickeln, kann wirtschaftliches Wachstum einen wichtigen Beitrag leisten.
Ebenso lässt sich nicht übersehen, dass unsere sozialen Sicherungssysteme, Beschäftigungsmöglichkeiten und öffentlichen Haushalte heute in vielfältiger Weise mit wirtschaftlicher Entwicklung verbunden sind.
Ein Übergang zu einer weniger wachstumsabhängigen Wirtschaft wirft daher schwierige Fragen auf. Wie finanzieren wir Pensionen, Gesundheit und öffentliche Infrastruktur? Wie sichern wir Beschäftigung? Und wie ermöglichen wir Menschen in wirtschaftlich benachteiligten Regionen einen höheren Lebensstandard?
Diese Fragen lassen sich nicht mit einem einfachen Appell zu weniger Konsum beantworten.
Gerade deshalb ist die Auseinandersetzung mit Jackson so wertvoll.
Sie zwingt uns, zwischen Wachstum als wirtschaftlichem Instrument und Wachstum als unhinterfragtem gesellschaftlichem Leitbild zu unterscheiden.
Vielleicht lautet die entscheidende Frage nicht, ob Wachstum grundsätzlich gut oder schlecht ist.
Sondern: Was soll wachsen? Wofür? Für wen? Und zu welchem Preis?
Die Zukunft braucht andere Fragen
Unsere gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Herausforderungen lassen sich nicht allein dadurch lösen, dass wir bestehende Systeme immer effizienter machen.
Wir müssen auch bereit sein, ihre grundlegenden Annahmen zu hinterfragen.
Was verstehen wir unter Wohlstand?
Was macht ein Unternehmen wirklich erfolgreich?
Welche Art von Arbeit wollen wir ermöglichen?
Welche Verantwortung tragen Führungskräfte für die Menschen, die ihnen anvertraut sind?
Und welche Lebensbedingungen wollen wir kommenden Generationen hinterlassen?
Tim Jackson liefert mit seinem Buch keine einfache Handlungsanleitung für Unternehmen. Seine Überlegungen sind vielmehr eine Einladung, unseren Blick auf Wirtschaft und Gesellschaft zu erweitern.
Darin liegt für mich ihre besondere Bedeutung.
Wir brauchen wirtschaftlich erfolgreiche Unternehmen. Wir brauchen Innovation, Leistungsbereitschaft und unternehmerischen Mut.
Aber wir brauchen ebenso Unternehmen, die ihren Erfolg nicht ausschließlich daran messen, was sie erwirtschaften, sondern auch daran, was sie bewirken.
Organisationen, die nicht nur Arbeitsplätze bereitstellen, sondern Räume schaffen, in denen Menschen ihre Fähigkeiten entfalten und Sinn erleben können.
Führungskräfte, die nicht nur Ergebnisse verantworten, sondern auch die langfristigen Auswirkungen ihrer Entscheidungen auf Menschen, Gesellschaft und Umwelt berücksichtigen.
Und eine Gesellschaft, die Fortschritt nicht allein mit einer steigenden Wirtschaftsleistung gleichsetzt.
Eine Einladung zum Umdenken
Vielleicht liegt die eigentliche Herausforderung unserer Zeit nicht darin, immer mehr zu erreichen.
Sondern darin, bewusster zu entscheiden, was wir erreichen wollen.
Das verlangt keine Abkehr von wirtschaftlichem Denken. Es verlangt den Mut, wirtschaftliches Denken weiterzuentwickeln.
Weg von der Vorstellung, dass Wachstum automatisch Fortschritt bedeutet. Hin zu einem Verständnis von Wohlstand, das wirtschaftliche Leistungsfähigkeit, menschliches Wohlergehen und ökologische Verantwortung miteinander verbindet.
Am Ende bleibt eine Frage, die weit über die Wirtschaft hinausreicht und die Tim Jackson bereits mit dem Titel seines Buches stellt:
Wie wollen wir leben?
Vielleicht sollten wir diese Frage künftig häufiger stellen – bevor wir entscheiden, wie wir weiter wachsen wollen.
Denn nicht alles, was wächst, wird dadurch besser.
Und nicht alles, was wirklich wertvoll ist, muss wachsen.
Literatur und weiterführende Impulse
Jackson, Tim (2021): Wie wollen wir leben? Wege aus dem Wachstumswahn. München: oekom verlag.
Jackson, Tim (2017): Wohlstand ohne Wachstum – das Update. Grundlagen für eine zukunftsfähige Wirtschaft. München: oekom verlag.
Deci, Edward L. & Ryan, Richard M. (2000): The “What” and “Why” of Goal Pursuits: Human Needs and the Self-Determination of Behavior. Psychological Inquiry, 11(4), 227–268.
Seligman, Martin E. P. (2011): Flourish: A Visionary New Understanding of Happiness and Well-being. New York: Free Press.
